Der Deutsche Choral

(kurzer überblick)

Gesang und Rituale bilden ein zentrales „Arbeitsfeld“ geistiger übung in allen traditionalen religiösen Kulturen der Menschheit. Dabei gilt es, jenseits von äußerer Lehre und Gefühlsbewegung, geistiges Gewahren zu initiieren und zu kultivieren. In den Klöstern des Heiligen Berges Athos wird diese Praxis seit 1600 Jahren gepflegt. Der byzantinische Choral ist für die griechische Sprache dasselbe, was der gregorianische Choral für die lateinische Sprache ist.

Für die deutsche Sprache versuchte man seit dem 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der liturgischen Bewegung, ausgehend von der lateinischen Gregorianik, einen altkirchlichen Choral zu gewinnen. Heute vermag man durch die Einbeziehung der anderen altkirchlichen Choraltraditionen die Grundprinzipien des Chorals besser zu erkennen und ihn als musikalische „Ursprache“ zu verstehen. Diese nimmt erst in den Sprachen der Völker jeweils ureigene Gestalt an. Die Choraltraditionen der christlichen Völker (byzantinischer, lateinischer, georgischer, syrischer, altbulgarischer usw. Choral) sind gewissermaßen Dialekte dieser einen Ursprache des Chorals.

Der Deutsche Choral ist ein solcher Choraldialekt auf der Grundlage der deutschen Sprache. Er wurde seit 1978 von Vater Abt Johannes entwickelt, nach dem Vorbild der Gregorianik und vor allem der byzantinischen Choraltraditionen, und wird heute im heiligen Dreifaltigkeitskloster in Buchhagen praktiziert und gelehrt. Neuerdings gibt es in einzelnen orthodoxen Kirchgemeinden analoge Bemühungen um einen deutschsprachigen Kirchengesang, wie z.B. in der rumänischen orthodoxen Gemeinde in Leipzig.

Der Choral ist einstimmiger melismatischer Kirchengesang, dem gelegentlich ein Grundton, der so genannte Ison, unterlegt wird. Das Choralmelos entwickelt sich aus dem geistgetragenen heiligen Wort (Bibeltext, Gebetstext), was sich sowohl auf die Betonung und Syntax der Sprache, als auch auf die Haltung der Anbetung in Geist und Wahrheit seitens des Meloden, und letztendlich auf das Ewige Wort selbst bezieht, auf Christus, das ewige Wort Gottes selbst (Joh.I,1-8).

Inzwischen liegt in Buchhagen das gesamte Ordinarium des Stundengebetes und der göttlichen Liturgie vor, sowie die Hymnen der Hochfeste und eine Reihe Psalmenkompositionen. Außerdem gibt es verschiedene Modelle für den Psalmengesang in allen 8 Kirchentonarten. Alle Gottesdienste werden im Deutschen Choral gesungen.

In Zusammenarbeit mit dem Thomanerchor Leipzig und der Universität Göttingen sind 2 CDs entstanden, die man im Klosterladen und im Buchhandel erwerben kann.