Das orthodoxe Mönchtum
von Archimandrit JohannesGeschichte
Seit den Anfängen der Christenheit gab es immer wieder Einzelne, die von der Liebe Gottes erfüllt waren und in vollkommener Hingabe ihr Leben dem Heiligen und Ewigen weihten. In allen Hochkulturen der Erde spielt das Mönchtum eine zentrale Rolle für das religiöse und geistige Leben der Gesellschaft. Die Bibel berichtet von dem Propheten Elias, seinem Schüler Elisäos und den Prophetenjüngern, man weiß von den geheimnisvollen Essenern, mit deren Kreisen man den Propheten Johannes den Täufer und sogar Jesus selbst in Verbindung bringt.
Urbild des orthodoxen Mönchtums ist der Evangelist Johannes, der Apostel der Weisheit und der mystischen Gottesliebe. Sein Evangelium, seine Briefe und die geheime Offenbarung zeugen von seiner höchsten Einweihung und visionären Kraft. Eine der ersten historisch greifbaren Mönchsgestalten ist der heilige Antonios der Große (250-356 n.Chr.). Er folgte als junger Mann der Aufforderung des Evangeliums, verließ seine nicht unwesentlichen Reichtümer und zog zu einem Altvater, einem Eremiten, wie sie zu jener Zeit etliche in der Wüste zwischen dem Nil und dem roten Meer lebten. Nachdem er in reifen Jahren längere Zeit allein in einer entlegenen Grabanlage gehaust hatte ohne verrückt zu werden, wurde er einer der berühmtesten Altväter ägyptens. Bekannt wurde er durch seine Lebensgeschichte, die der damalige Bischof von Alexandrien, Athanasios verfaßte.
Als im 4. Jahrhundert die Verfolgung der Kirche beendet und das Christentum langsam zur Staatsreligion wurde, war das Mönchtum bereits eine große Bewegung geworden. Und als die Kirche durch ihre unvorstellbar wachsende Macht in Gefahr geriet, selbst zu verweltlichen, war es vor Allem das Mönchtum, das den Geist des Ursprungs und den mystischen Weg der Wandlung bewahrte, den Christus seine Jünger gelehrt hatte.
Mit großer Begeisterung berichtet der heilige Kirchenvater Basileios der Große (329-378 n.Chr.) in seinen Schriften über das Mönchtum seiner Zeit. Es beeindruckt ihn, daß in der Mönchsgemeinschaft Menschen verschiedenster Herkunft oder Bildung in vollkommener heiliger Liebe miteinander verbunden sind, er rühmt die Einmütigkeit, die wahre Freiheit und Herzensverbundenheit, die er in den Klöstern beobachtete.
Von überragender Bedeutung ist der heilige Kirchenlehrer Gregor Palamas. Er war in allen weltlichen und geistlichen Wissenschaften hochgebildet, als er im 14. Jrh auf Athos Mönch wurde. Wegen seiner besonderen Fähigkeiten wurde er später zum Erzbischof von Saloniki gewählt. Dort reflektiert und verteidigt er in den geistigen Auseinandersetzungen mit der westlichen Scholastik die mystische Praxis des orthodoxen Mönchtums Nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, daß im Bereich der orthodoxen Christenheit Mystik und Theologie keine Gegensätze wurden und daß das orthodoxe Mönchtum seinen autonomen, prophetischen und charismatischen Charakter bewahren konnte. In dem Zusammenhang formulierte er die Lehre von den göttlichen Energien, deren übereinstimmung mit der urkirchlichen überlieferung auf den Konzilien von 1351 und 1352 in Konstantinopel bestätigt wurde.
Im 18. Jrh. brachte Paissios Velijkowski die Tradition des heiligen Berges Athos nach Rumänien und Rußland und regte dort eine grundlegende Erneuerung des Mönchtums an. In der jüngeren Zeit wirkte auf dem Heiligen Berg Athos Josef der Hesychast als Altvater, dessen Schüler heute als Altväter und äbte auf Athos und in der ganzen Welt wirken. Altvater Efraim hat allein in den USA innerhalb von 20 Jahren 15 Klöster gegründet.
Diese und andere berühmte Mönchsvätergestalten sind nur die geschichtlich greifbaren Glanzpunkte einer unendlich weiteren geistigen Bruderschaft. Die meisten orthodoxen Mönche und Altväter wirken im Stillen. Sie fliehen alle äußeren Würden und ämter; viele verweigern die Weihe zum Priester und manche vermeiden sogar, dass ihr Name bekannt wird. Unter ihnen sind begnadete Künstler, Architekten, Gartenbauer, Musiker, hochintelligente wie einfache Menschen. In der bezaubernden Schönheit mancher Klosteranlagen und in der geistigen Kultur hinterlassen sie ihre unauslöschlichen Spuren.
Das Mönchtum des Heiligen Berges Athos
Eines der wichtigsten Zentren des orthodoxen Mönchtums ist der Heilige Berg Athos. Das mönchische Leben beginnt dort im 4. Jahrhundert und reicht bis in die Anfänge der Christenheit zurück. Archäologische Grabungen brachten jüngst unter der Hauptkirche von Watopädi die Fundamente des Vorgängerbaus aus der Zeit des Kaisers Theodosios zu Tage. Bis ins 9. Jahrhundert lebten die Mönche des heiligen Berges vollkommen zurückgezogen in relativ kleinen Gemeinschaften oder als Einsiedler. Daher sind schriftliche Nachrichten sehr spärlich. Erst Athanasios der Athonite gründete ein erstes Großkloster nach dem Vorbild des Studionklosters in Konstantinopel und des Sabbasklosters in Jerusalem. Im Jahre 962 schließlich wurde der Heilige Berg autonomer Mönchsstaat mit eigener Verfassung. Das originale Schriftstück wird heute noch im Turm der heiligen Gemeinschaft im Regierungssitz Karyes aufbewahrt; es ist auf Bockshaut geschrieben und heißt daher 'Tragos'. Diese Verfassung garantiert die Freiheit, politische und kirchliche Autonomie, und die Vielfalt der mönchischen Lebensformen.
Bis heute findet man auf Athos alle Formen des frühen Mönchtums beieinander : Einsiedler, die in den Bergen in versteckten Waldhütten und Höhlen hausen, Kellienmönche, die zu zweit oder dritt unter Leitung eines Altvaters auf größeren Gehöften oder kleineren Klöstern leben, bis hin zu den Großklöstern, in denen 20 bis 100 Mönche leben. Es gibt 20 'kaiserliche und patriarchale Erzabteien', denen jeweils ein Bezirk des Mönchsstaates untersteht und dem die Kleinklöster und Mönchsdörfer zugehören. Die Klöster können auf eine eigene Klausur verzichten, weil das ganze Land eine einzige große Klausur ist.
Athos ist ein Hort lebendiger christlicher Mystik. Die Mönche besitzen eine uralte geistige überlieferung, die in der christlichen Welt einzigartig ist. Man bezeichnet die Athos-Mystik als Hesychasmus, von "Hesychia",?Stille, Ruhe. Hier versteht man unter 'Theologie' nicht ein akademisches Buchwissen, sondern die tatsächliche Wandlung des Herzens, jenes unsagbare innere Begreifen und ergriffen werden, das mit der Gottesberührung einhergeht. Ein wahrer Theologe ist demnach nicht einer, der akademische Studienabschlüsse vorweist, sondern einer, der den Logos, das ewige Wort Gottes im Herzen trägt. In diesem Sinne ist Theologe gleichbedeutend mit Geist-Träger, Christus-Träger, Heiliger. 'Theologie' in diesem Sinne ist im Wesen gelebte Mystik.
Das Mönchtum des Heiligen Berges ist keine bloße Lebensform, kein "reguliertes Leben", das man aus Büchern oder nach entsprechenden Vorschriften einfach einrichten könnte, sondern besteht wesentlich in der Weitergabe jenes nur durch lebende Menschen vermittelbaren überlieferungsstromes.
Vom Heiligen Berg Athos gingen im Laufe der Geschichte zahlreiche Klostergründungen in anderen Ländern aus. Diese vollzogen sich stets spontan, vom Heiligen Geist geführt. Es gab nie den Versuch überregionale Verbände (wie die Orden der westlichen Kirche) zu schaffen. Die Verbindung einer neuen Gründung zum Athos ist nicht organisatorischer, sondern geistiger Natur. Sie besteht durch die Weiterführung der heiligen überlieferung und durch die Verbindungslinien der Altväter. Wenn ein Mönch im großen S'chima berufen ist und den Segen seines Altvaters erhält, was selten genug vorkommt, kann er gehen und ein neues Kloster aufbauen. So wird der Same des Mönchtums des Heiligen Berges weitergetragen. Wo sich dann vor Ort junge Menschen einfinden und den Samen aufnehmen, blüht die heilige Pflanze auf und eine neue Mönchsfamilie entsteht.
Oft trugen diese Gründungen zur spirituellen Erneuerung und Belebung der Kirchen in der Welt bei, und sie waren Pflanzstätten des Mönchtums vieler Völker. So ist auch das Dreifaltigkeitskloster in Buchhagen nur ein Glied in einer langen Kette, die sich über viele Jahrhunderte, Länder und Völker zieht.
Die heilige Gefolgschaft
Jedes orthodoxe Kloster bildet eine eigene Mönchsfamilie, eine heilige Gefolgschaft. Die Mönchsgelübde und der Gehorsam des Einzelnen beziehen sich nicht auf ämter oder Institutionen und nicht auf den Ort, sondern auf konkrete Menschen. Wenn der Altvater beschließen sollte, aus geistlichen Gründen den Ort zu wechseln, folgt ihm die ganze Bruderschaft. Die Gemeinschaft gibt dem Einzelnen Sicherheit und Geborgenheit, aber umgekehrt trägt auch der Einzelne die Gemeinschaft und das Kloster, in Treue und heiligem Gehorsam.
Der Altvater ist das Haupt der Klostergemeinschaft. Im Altvater sieht der Mönch die Gegenwart Gottes; der Altvater ist, nach einem Wort des Altvaters Josef von Watopädi, 'Bild und Ort des Ewigen Wortes Gottes', oder auch 'Ort und Art Gottes'. Das bedeutet, dass Christus, der fleischgewordene Gott, im Altvater konkret wird und einen Platz in der Lebenswirklichkeit gewinnt. Dabei stellt sich der Altvater nicht an die Stelle Gottes, vielmehr gibt er Gott durch seine Liebe, Hingabe und Heiligung einen konkreten 'Ort' in der Welt, in seiner Person. In diesem Sinne sagte Paulus : 'Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir'. Und in den Psalmen heißt es, dass Gott 'in Seinen Heiligen ruht' oder 'in Seinen Heiligen gegenwärtig' ist. Der Altvater ist eine lebende Ikone Christi. Altvater Efraim von Katunakia sagte : 'Du hast Deinen Altvater zufrieden gestellt? wahrlich ich sage Dir, Du hast Gott zufrieden gestellt.' Die Haltung der Liebe, des Dienens, der Empfänglichkeit für die heilige Unterweisung, Ehrerbietung und Demut, aber auch Hingabe und persönliche Treue, machen den echten geistlichen Schüler aus. In der Vollendung dieser Haltung im Leben aber erwächst wiederum geistige Vaterschaft.
Das Mysterium des S'chima
(das Geheimnis der heiligen Gestalt)Jeder Altvater des heiligen Berges hat die Erfahrung und die Weihe der 'großen und engelgleichen Gestalt' (megalo angeliko S'chima), und niemand kann diese Weihe spenden außer einem Altvater, der sie seinerseits von seinem Altvater empfangen hat, und ohne diese Weihe kann niemand geistlicher Vater für Mönche oder Vorsteher eines Klosters werden.
Es ist von Gott her bei allen Altvätern ein und dasselbe heilige S'chima, und doch hat jede Mönchsfamilie ihre Besonderheit, ihr unverwechselbares Gesicht. Das orthodoxe Mönchtum ist nicht uniform, sondern bringt vielmehr eine Fülle lebendiger Gestalten hervor, so wie keine Eiche der anderen völlig gleicht, aber doch alle Eichen nach Art und Gattung eins sind. Dieses Prinzip ist auch innerhalb der einzelnen Mönchsgemeinschaft grundlegend. Jeder Mensch ist unterschiedlich, und wir wollen keine Standardisierung. Vielmehr soll das göttliche Urbild im Menschen aufblühen und der Mensch zu der ihm ureigensten Gestalt heranreifen. Die Unterschiedlichkeit der Charaktere kann sich wunderbar ergänzen. Gemeinschaft wird zu einer eigenen organischen Größe, deren einende Kraft die göttliche Liebe und die Hingabe an Christus und untereinander ist. So bildet das Kloster eine ideale Kirche im Kleinen.
Was ist das Geheimnis des mönchischen S'chima? Worin besteht in aller Unterschiedlichkeit der Persönlichkeiten das allen gemeinsame, heiligende Mysterium?
Im Buch Genesis heißt es: 'Gott schuf den Menschen Ihm zum Ebenbild und zur ähnlichkeit'. Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Die Gott-ähnlichkeit aber müssen wir im Laufe unseres Erdenlebens verwirklichen, und zwar in der jeweils ureigensten Gestalt nach der inneren Notwendigkeit. In dem Maße, wie dies gelingt, was einzig durch die göttliche Gnade möglich ist, in dem Maße wird der Mensch heilig. Diese geistliche Anthropologie unterscheidet sich sowohl von der modernen westlichen Vorstellung von Individualität als auch von der östlichen Vorstellung der Entpersönlichung. Im traditionalen Mönchtum wird die Persönlichkeit wird nicht ausgelöscht, sondern gewandelt und in der Transzendenz verankert, die schon in uns angelegt ist. Das Wesen des Menschen, wie es von Gott gemeint ist, wird gereinigt von allen Umlagerungen des äußeren, Zufälligen, Bedingten; das Eigentliche, der geistige Kern tritt hervor und erlangt die Herrschaft über die äußeren und unteren Aspekte. So wächst die geistige Gestalt, die ursprüngliche Schönheit des göttlichen Bildes im einzelnen Menschen heran. Je weiter diese Gestaltwerdung voranschreitet, umso mehr tritt die transzendente göttliche Wirklichkeit durch den Menschen und in ihm ins Leben hinein, wird erfahrbar. Darum heißt es: 'Gott tritt uns in Seinen Heiligen entgegen'. Wo der Mensch dies erlangt, wo er das in ihn gelegte göttliche Urbild entfaltet und verwirklicht, gewinnt er die 'vollkommene und ureigenste Wesensgestalt'. Das ist das Geheimnis des heiligen S'chima, der heiligen Gestalt.
Die orthodoxe Anthropologie hat ein tiefes Wissen und sehr klare Begriffe von den Kräften und Gegebenheiten, die das herausbilden, was wir 'Gestalt' oder 'Persönlichkeit' (Hypostasis) nennen. Dies hier dazustellen sprengte den Rahmen dieser skizzenartigen Einführung. Das Geheimnis des Mönchtums ist jedenfalls im Kern das Mysterium Gottes selbst. Der mystische Weg vereint die Gegensätze: Gehorsam und Willenskraft, Weisheit und Kindlichkeit, Einfachheit und Tiefe, Demut und Würde, Eifer und Gelassenheit, Einsamkeit und Gemeinschaft, Männlichkeit und Weiblichkeit, Bindung und Freiheit, Größe und Niedrigkeit . . .
Askese und Freiheit
Die sogenannten Gnostiker lehren, dass Geist und Körper einander feindlich gegenüber stehen. Die wahre Gnosis (Erkenntnis) aber, die orthodoxen christlichen Erfahrung lehrt, dass der Leib kein Feind der Seele, sondern ihr treuer Diener ist, wenn nur die innere Herrschaft recht geordnet ist. Die körperliche, sinnliche Welt kann Spiegel der geistigen sein. Deshalb wird in die mönchische Askese alles Leibliche einbezogen, nicht aber verworfen. Es gibt kaum einen sinnlicheren und zugleich geistigeren, überweltlicheren Gottesdienst als den in einem orthodoxen Kloster. Die orthodoxe Asketik beruht wie die ganze Kirche auf dem Mysterium der Inkarnation Gottes und zielt auf die Erneuerung und Heiligung des Lebens.
Die Verfälschungen des Lebens aber, die gefallene Welt und ihr Trug, werden umso entschiedener abgetan. Daher bestehen die ersten geistigen übungen in der überwindung des Irrtums und in der Beherrschung der Leidenschaften, die uns beide gleichermaßen an die gefallene Welt ketten. Orthodoxie erhält von diesem asketischen Ansatz her eine weit über Bekenntnis und Identität hinausgehende Dimension. Erst wenn aller Trug und aller geistiger Irrtum überwunden ist, leuchtet Orthodoxie auf. Daher ist für den Mönch die Orthodoxie sehr viel mehr als eine äußere Kirchenzugehörigkeit. Sie ist die übereinstimmung des Lebens, Glaubens und Strebens mit der ewigen Wahrheit, des iridschen Seins mit den Gedanken Gottes, die vollkommene Harmonie mit Gott, dem Urgrund des Seins, ja eigentlich der unmittelbare Glanz Gottes, wie ja das Wort auch sagt.
Eines Tages kamen Studenten in die Wüste und wollten einen der Altväter testen. Sie sprachen 'Bist Du Agathon, wir hörten von Dir Du seiest ein Buhler und stolzer Mensch?' Er aber antwortete : 'Ja, ich bins.' 'Du bist Agathon, der Schwätzer, der Fresser und Säufer?', und wiederum antwortete er 'Ja, ich bins.' Dann sagten sie :'Bist Du Agathon der Irrlehrer?' Da antwortete er 'Nein, ich bin kein Irrlehrer, sondern rechtgläubig.' Da baten sie ihn verwundert und frugen 'Wie sollen wir das verstehen? Die größten Unverschämtheiten haben wir Dir gesagt, und Du verleugnetest Dich selbst und nahmst sie hin; die letzte Anklage aber lässest Du nicht auf Dir ruhen?' Da erklärte er ihnen : 'Irrlehre, das ist Trennung von Gott, denn Gott ist Wahrheit. Ich will aber auch nicht im Geringsten von Gott getrennt sein.' Als die Studenten das hörten, gingen sie, gleichermaßen beschämt wie erbaut, von ihm.
Die 'normale' Welt ist durch die Trennung von Gott gefallen, in einem existentiellen Sinne. Mancher kennt das Empfinden, daß dieses normale Leben nicht das Eigentliche sein kann. Während ein junger Mensch noch die Fälschungen des Lebens heftig empfindet, gehen die meisten bald dazu über, zu verdrängen, sich zu betäuben und irgendwie 'mitzumachen'. Oft ist es indirekter Zwang, oder Angst ein Außenseiter zu werden, die Angst, Liebe und Anerkennung von Eltern oder Freunden oder allgemein der Gesellschaft zu verlieren. Meist ist es aber einfach Unwissenheit, der Mangel an glaubwürdigen Alternativen. Der 'Fürst dieser Welt' will nicht, daß wir aufwachen und die Wahrheit erkennen. Manche echte Berufung wird unter dem Druck der 'Normalität' abgeblockt; Werbung, Filme, Medien, die Mechanismen der Abhängigkeit und des Konsums, kurz, alle möglichen weltlichen Beeinflussungen tun das übrige, um unser innerstes Empfinden auf Dauer zu ruinieren.
Weil wir in diese Welt der Fälschungen und Täuschungen hineingeboren werden und die Last der Trennung, des grundsätzlichen Fremdseins, die 'Schuld Adams', die Schuld unserer Väter, ungefragt erben müssen, spricht die überlieferung von 'Erbsünde'. Dieses entfremdete Leben mit seinen scheinbaren Vergnügungen und Notwendigkeiten fälscht weiterhin unsere lebendigen Beziehungen untereinander, verhindert die Erkenntnis Gottes und macht die Entfaltung des inneren Menschen zur Verwirklichung seines ewigen göttlichen Urbildes fast unmöglich, jedenfalls aus eigener Kraft.
All diese 'Uneigentlichkeiten' nennen wir die 'Fesseln der Fleischlichkeit'. Das Wesen dieser Fesseln der Fleischlichkeit ist der Trug; Trug aber ist ein geistiges Prinzip. Deshalb heißt es im Evangelium, dass alle Sünde vergeben werden kann, einzig die Sünde wider den Geist kann nicht vergeben werden, denn der Geist Gottes ist Licht und Wahrheit und Reinheit. Der Trug ist dem Geist Gottes zuwider, es ist der Geist des Antichristen.
Diesem Verrat an Liebe und Wahrheit, den Fälschungen des Lebens, erteilt der Mönch eine klare Absage. Die Einsicht, dass es kein wahres Leben im Falschen geben kann, ist ein wesentliches Motiv der mönchischen Berufung. Doch führt sie nicht zur Verzweiflung, Ekel oder Hass, wie im Existentialismus oder Nihilismus, sondern zu einem existentiellen Quantensprung, der die Bedingtheiten menschlichen Denkens und menschlicher Vorstellungen überhaupt durchbricht. Die Suche nach dem Eigentlichen stößt zum Mysterium des Lebens selbst vor, wo es sich mit dem Mysterium Gottes überschneidet.
Die praktischen Fragen: wie den Fälschungen entraten? wie Liebe und Wahrheit verwirklichen? werden pragmatisch beantwortet. Die erste Antwort ist: Freiheit. Je unabhängiger von allem Trug und Irrtum, Konsum und Karrieredenken, äußerlichen Normierungen, von allem wenn nicht Falschen so doch zumindest Vorläufigen und Uneigentlichen, umso größer wird die Chance, zur Wahrheit und zum eigentlichen Sein vorzustoßen. Hier setzt die negative Askese an, die auf Reduzierung der äußeren Bedürfnisse und Abnabelung von alten Abhängigkeiten und Festlegungen zielt. Um den Trug zu brechen und das Urbild zu entfalten gibt es keine stärkeren Werkzeuge als Liebe und Gehorsam. In der traditionalen geistigen Schulung des Athos werden Gehorsam und Liebe als Grundpfeiler des mystischen Weges schlechthin angesehen.
Eine zweite Antwort ergibt sich aus der Erfahrung einer in der Wahrheit Gottes verankerten Schönheit. Nicht von ungefähr ist das Schaffen sakraler Kunst im orthodoxen Mönchtum sehr verbreitet.
Die dritte Antwort schließlich liegt in der brüderlichen Liebesgemeinschaft, der Entwicklung menschlicher Freundschaft und Liebe. Diese beiden gehören neben Gesang, Ritual und der liturgischen Gestaltung des gesamten Lebensumfeldes zur positiven Askese, die auf die Läuterung aller Aspekte des Daseins und ihre Durchlichtung mit dem göttlichen Sein zielt.
Empfängnis und Wandlung
Beide, die negative und die positive Askese, setzen ein Drittes voraus, wenn sie nicht letztlich doch wieder bloß innerweltliche Arrangements sein oder ihrerseits zu ideologischen oder systematischen Determinationn geraten sollen. Dieses Dritte erfahren wir in der praktischen Einübung des geistigen Betens. Geistiges Gebet ist nicht Bitte um irgendetwas, auch nicht Fürbitte, sondern eine reine, 'zweckfreie' Anbetung im Antlitz Gottes, in der sich im Augenblick vollendeter Reinheit die göttliche Liebe und Weisheit im Spiegel des menschlichen Geistes selbst erkennt. Die Einübung dieser Haltung gehört zu den zentralen Aspekten des Hesychasmus. Von dieser Haltung her gewinnt das Leben und alles Tun und Lassen seine Verankerung in der Ewigkeit. Und erst durch diese Dimension der Transzendenz wird das orthodoxe Mönchtum zur geistigen Macht.
Die regelmäßige übung des bekannten Jesusgebetes 'Herr Jesu Christe, Du Sohn Gottes, erbarme Dich meiner' ist ein zentrales übungsmoment auf diesem Weg, doch ist es stets eingebettet in den geheiligten Lebenszusammenhang von Gehorsam und Liebe in der heiligen Gemeinschaft und im gemeinsamen liturgischen Gottesdienst der Kirche.
Der mystische Weg kann in keiner Weise auf besondere Lehren, Systeme oder irgendeine Ideologie oder 'Technik' zurückgeführt werden, sondern ist einzig und allein in der rechten Art und Weise des sich in Gott selbst erkennenden Lebens verborgen. Der Weg ist die sich entfaltenden mystische Erfahrung des Seins, das Leben der Heiligung Abglanz und immerwährende zeitliche Verwirklichung der Fleischwerdung Gottes selbst in Seinen Heiligen.
A und O des Weges sind Liebe und Wahrheit
Liebe und Wahrheit sind die höchsten Werte des Christentums; ohne sie ist Spiritualität und Askese hohl und widergöttlich. Denn Liebe und Wahrheit sind nicht nur zeitliche ethische, religiöse Werte, sondern ewige göttliche Urprinzipien, Gnadenkräfte oder Energien. Gott ist Liebe, wie Johannes der Evangelist sagt.
Die Verwirklichung von Liebe und Wahrheit setzt Selbsterkenntnis und Wandlung voraus. Sie vom Urbilde her zu leben, erfordert einen langjährigen Prozeß des Hineinwachsens in eine entsprechende Lebenshaltung und des Erwachens zu geistigem Bewußtsein. Wenn Christus vom 'Wachen' spricht, ist immer diese weiterreichende Dimension angesprochen. Liebe als moralische Forderung ist zum Scheitern verurteilt. Liebe als ontologische Teilhabe am Wesen Gottes aber ist die Frucht der Wandlung, und als solche hat sie allüberwindende Kraft.
Mönchische Askese ist im Kern übung des Herzens. Licht und Finsternis wollen wahrgenommen und ausgehalten werden. Alles Falsche abstreifen, Unvollkommenes wandeln und immer wieder zum Eigentlichen vorstoßen, sich von Rückschlägen und Scheitern nicht beirren lassen, das ist Herzensübung. So reift die mönchische Gestalt.
Der Spiegel des Göttlichen liegt verborgen in den Abgründen des Herzens.
Das Herz ist der Sitz des Geistes, der geistigen Wahrnehmung. Das darf weder mit dem äußeren Intellekt verwechselt werden, noch mit dem Gefühlsbereich. Denkkraft und Gefühl sind wichtige Funktionen des fleischlichen Menschen. Der Geist aber, von welchem hier die Rede ist, griechisch v???, gehört nicht zur irdischen, sterblichen, sondern zu unserer geistigen, unsterblichen, ewigen Natur. Ihn haben wir mit den Engeln gemein, mit ihm gewahren wir geistige Wirklichkeiten, mit ihm beten wir, durch ihn verkehren wir mit Gott und den Heiligen in der Ewigkeit.
Hiervon zu unterscheiden ist das Bewusstsein. Bewusstsein ist das, was wir zu einem bestimmten Zeitpunkt wahrnehmen und wissen. Daher ist das Bewusstsein keine Fähigkeit, keine ontologische, sondern eine bedingte, zusammengesetzte, flüchtige Größe, die sowohl von geistigen wie auch von fleischlichen, körperlichen, emotionalen und gedanklichen Einflüssen gebildet wird. Es ist eigentlich das Wahrnehmen und Empfinden und Wissen selbst, nicht aber dasjenige, was da wahrnimmt. Je nachdem, ob es in bestimmten Gedanken oder Gefühlen oder aber im Geist ankert, oder mit anderen Worten von dort her gebildet wird, erfährt der Mensch eine andere Selbstwahrnehmung. Deshalb gehört es wesentlich zum geistlichen Weg, das Bewusstsein auf den Geist hin auszurichten und dann von dort aus alle anderen Bereiche des Seins zu durchlichten.
In der Praxis sind diese Zusammenhänge seit Jahrtausenden bekannt, zumindest in den lebendigen überlieferungen. Wer sich dem Mysterium Gottes nähert, muss alle äußeren Gedanken und Vorstellungen loslassen und hemmende Gefühlsabhängigkeit überwinden. Nicht weil Gedanken oder Gefühle an sich schlecht oder verboten wären, sondern um an die tieferen, feineren, geistigen Wahrnehmungen zu gelangen. Ein asketisch gereinigtes Gemüt und ein zur Ruhe gekommener Verstand stört die geistige Wahrnehmung nicht mehr, sondern wird sogar zum guten Werkzeug des Geistes. Denn wo der Geist erwacht ist, ändern sich auch Gefühle und Gedanken.
Reinheit und Gnade
Wo wir Eitelkeit, Egozentrizität und Frömmelei überwinden, und ebenso die Nichtigkeit rationaler 'Konzepte' begriffen haben, gewinnen wir innere Freiheit. Wo wir zu Gehorsam und Liebe gelangen, entwickelt sich geistige Wahrnehmung und Kraft. Wo der übende seinen Geist und seine geistige Empfänglichkeit entwickelt, gewinnt er die in der Welt der Fälschungen verlorene ursprüngliche Reinheit des Herzens zurück. In dieser Reinheit empfangen wir die göttliche Gnade.
Die Gnade Gottes kommt dem menschlichen Mühen entgegen. Die rechte Askese öffnet uns zur Empfängnis der Gnade, indem sie uns reinigt und unseren Geist zur Fruchtbarkeit führt. Wo die Sinne des Menschen geläutert und die Liebe durch Hingabe und Prüfungen stark geworden ist, strömt die Gnade und Kraft des heiligen Geistes machtvoll ins Herz. Dort wohnt sie unserem Geiste ein, stillt sein Begehren und vertreibt seine Blindheit durch die heilige Erleuchtung. So bringt sie ihn zur Blüte geistiger Klarheit.
Die Erfahrung der Gnade überschreitet jeden Begriff. Die Erleuchtung wird als Empfang des Taborlichtes beschrieben, jenes überirdischen, göttlichen Lichtes, welches auch die Apostel Johannes, Petrus und Jakobus auf dem Berge Tabor sahen. Die Gnade kann sich aber auch still und mählich ins Herz eingießen und sich eher mittelbar äußern. In jedem Fall aber verändert sie den Menschen, macht ihn weit, licht, und schön.
über die Reinheit schreibt der heilige Gregor Palamas : 'Reinheit ist ein Zustand, in dem über dem Geist zur Zeit des Gebetes das Licht der heiligen Dreifaltigkeit leuchtet, und in diesem Zustande gelangt der Geist noch über das, was man gemeinhin unter Gebet versteht, hinaus. Ja, man kann dies kaum noch Gebet (im üblichen Sinne) nennen, sondern eher eine Frucht des reinen Gebetes, welches stets vom heiligen Geist eingezeugt ist. Der Geist betet dann nicht mehr in (äußerlichem) Gebet, sondern gelangt über sich hinaus ('in Ekstase') zu den nicht mehr fassbaren Dingen. Dies ist die Unwissenheit, welche höher ist als alles Wissen. In einem gereinigten Herzen steht der Geist gestaltlos, ohne Anspruch und Vorstellung, vor Gott und vermag so die unmittelbaren Einprägungen der göttlichen Urbilder zu empfangen, deren Spiegel er wird'.
Reinheit wird hier als der höchste Zustand geistigen Betens verstanden. Die Schau der Urbilder ist die Einsicht in die göttlichen Gedanken. An anderer Stelle ist von der Schau des Taborlichtes die Rede, vom ungeschaffenen Licht, den göttlichen Energien. Der Geist des Menschen wird zum Spiegel der göttlichen Gedanken, die ihm 'eingeprägt' werden. Wiederum wird hier eine ontologische Wandlung, aufgezeigt, ein Vorgang, der das Sein des Menschen verändert und ihn selbst zum Träger göttlicher Kräfte und Wirkungen macht.
Reinheit ist auch eine Haltung der Seele, ja des ganzen Lebens. Reinheit in den menschlichen Beziehungen, Reinheit in der Hingabe, in der Liebe. Nun ist es nicht etwa so, dass einer zuerst die Reinheit in allen Bereichen des Lebens erlangt haben müsste, um zu einem reinen Gebet zu gelangen. Dieses ist Gnade wie jenes. Umgekehrt kann auch die übung des reinen Gebetes nach und nach alle anderen Lebensbereiche durchlichten und den übenden zur Reinheit führen. Es geht eigentlich um die Herzensreinheit. Das Herz wird zum eucharistischen Kelch, zu heiligen Gral, zum Gefäß des göttlichen Lebens. Es muss rein und klar sein, ehe das göttliche Wort Wohnung nehmen kann. In der mystischen Begegnung und Vereinigung dieser beiden wird der tiefste Punkt des Herzens zum Spiegel des Göttlichen. Ich sage, die göttliche Weisheit erkennt und gebiert das Ewige Wort, und beide sind zugleich eins und unvermischt und vollkommen, denn da ist kein Gedanke mehr. Das ist Reinheit.Ein entscheidender Schlüssel zur Reinheit ist die Hingabe, das Opfer, das in Freiheit und aus Liebe und um der Liebe willen dargebracht wird. Wir geben, was vergänglich ist, und empfangen, was unvergänglich ist.
Der göttliche Eros
Die einzige Kraft, die ein solches Opfer in Wahrheit ermöglicht, ist der göttliche Eros. Der göttliche Eros ist die reine Kraft göttlicher Liebe, die das All und die ganze Schöpfung hervorgebracht hat, aus der alles Seiende lebt und die uns zur Erkenntnis der Wahrheit führt. Der Göttliche Eros entzündet ein heiliges Begehren, er öffnet das geistige Auge, führt zur Erkenntnis der eigentlichen, höchstmöglichen Wesensgestalt und entfaltet unsere Lebenswirklichkeit zum göttlichen Urbild des Seins hin. Zwischen den Menschen erzeugt er eine lautere Herzensneigung, in welcher keine Unreinigkeit, keine Angst und kein egoistisches Wollen sind. Die in jedem Menschen angelegte und so oft verletzte oder gar zerstörte Sehnsucht nach Liebe und Wahrheit ist Teil dieses höchsten Strebens. Keine irdische Liebe vermag diese Sehnsucht zu erfüllen, die sich nicht jenem höheren Ursprung ihrer selbst einfügt.
Gott drängt sich nicht auf, aber er kennt unsere Sehnsucht. Er selbst hat die Sehnsucht in unser Herz gelegt, damit wir Ihn suchen.
In der Welt wird unsere Sehnsucht zumeist durch die Fälschungen des Lebens auf ungeeignete, uneigentliche Ziele abgelenkt. Wir werden um das Eigentliche betrogen und am Empfang der Gnade gehindert, indem man uns mit Substituten überhäuft. Unsere eigenen, unausgegorenen Gefühle und Gedanken machen uns zusätzlich anfällig für solchen Trug.
Die Quelle aller Sehnsucht ist zugleich die Quelle aller Erfüllung. Aus dem göttlichen Eros, der schöpferischen Liebe Gottes, entspringt alle Lebenskraft, alles Schöpfertum, alle echte Liebe und Freundschaft. Jedes edle, reine Streben des Menschen ist Bild und Spiegel des göttlichen Eros. So hat uns Gott erkannt, so will Er von uns erkannt werden, daß auch wir einander in Wahrheit erkennen.
Das Mönchtum ist vielleicht nicht die einzige, aber auf jeden Fall die äußerste und konsequenteste Antwort eines Menschen auf die göttliche Liebe. Hier trifft das Begehren des Menschen mit dem Begehren Gottes vollkommen zusammen. Wirkliches Mönchtum, weil es Gestaltwerdung der göttlichen Liebe im Menschen ist, widersteht jeglicher Engigkeit des Geistes und der Anschauung. Aus diesem Grunde ist auch eine Gemeinschaft von Gelehrten, Theologen und Priestern noch kein Kloster in unserem Sinne. Das Kloster ist ein heiliger Bund gottgeweihter Mystiker und solcher, die auf dem Wege dahin sind, die das wahre Leben begehren. Sein Telos ist die Vollendung der Liebe.
Das Gebet im Kloster
Das liturgische Gebet wird von allen Mönchen gemeinsam im Tempel gehalten. Es sind die altüberlieferten Liturgien des klösterlichen Tagzeitengebetes: Vesper, Komplet, Mitternachtsgebet, Orthros, die kleinen Stunden, sowie die göttliche Liturgie. Dazu kommen besondere Dienste an den kirchlichen Hochfesten und gemäß der lokalen überlieferung des Klosters, wie Wasserweihen, Segnungen des Landes, des Hauses und der Gärten. Die liturgischen Gottesdienste der orthodoxen Kirche sind uralt. Sie gehen zum Teil noch auf die Gottesdienste des jüdischen Tempels zurück, denen dann christliche Stücke hinzugefügt wurden wie z.B. die Vesper. Die letzte Redaktion der göttlichen Liturgie nahm um 400 n.Chr. der heilige Kirchenvater Johannes Chrysostomos vor. Hier zeigt sich besonders der liturgische Konservativismus der Orthodoxie. Der Gottesdienst ist Bild und Mitvollzug des himmlischen Gottesdienstes, den die höchsten Engel unablässig am Throne Gottes darbringen.
Unabhängig von den liturgischen Diensten übt jeder Mönch persönlich das geistige Gebet. In den Stunden der Stille, auf die im Kloster großer Wert gelegt wird, in der Mittagszeit und am frühen Abend, hat der einzelne Mönch hierfür Zeit und Raum. Insgesamt geht es darum, das Wort des Apostels zu erfüllen, wo er sagt : 'betet ohne Unterlass'. Die Zeiten zwischen den liturgischen Diensten werden vor allem mit dem Herzensgebet gefüllt: 'Herr Jesu Christe, Du Sohn Gottes, erbarme Dich meiner'. Je nach der geistlichen Stufe, die der Mönch hinsichtlich der Reinheit, der Treue und der Tugenden erlangt hat, setzt sich dieses Gebet sogar im Schlaf fort, und selbstverständlich wird es während der Arbeit und zu jeder Zeit gebetet. Es gibt besondere übungen zur Vertiefung und Verankerung des Gebetes, dessen Ziel es ist, reines geistiges Beten zu werden. Auf dieser Stufe durchdringt das Gebet jegliche Tätigkeit des Mönches und es durchdringt und erhebt auch das liturgische Gebet der Gemeinschaft auf die Stufe geistiger Anbetung im eigentlich mystischen Sinne.
In diesem Zusammenhang sind auch die geistliche Lesung und die geistliche Unterweisung zu nennen. Denn Gebet ist Verbindung und mit dem ewigen Wort, dem fleischgewordenen Gott, wo es geistiges Gebet wird, ist es Wesensvereinigung mit dem Ewigen Wort, mit Gott selbst. Die heiligen Väter sind Träger des Ewigen Wortes; die Worte und Weisungen der Väter sind der Same des unsagbaren Wortes, das wiederum im Mönch Gestalt annehmen will. Die Werke des heiligen Basileios d. Gr., Gregor v. Nyssa und Gregor d. Theologen, des hl. Dionysios Areopagita, Johannes v. Damaskus, des hl. Johannes v. Sinai, Symeon d. neuen Theologen, die Philokalie, und viele andere Schriften stellen ebenso wie die geistlichen Unterweisungen des lebenden Altvaters eine geistige Nahrung und Befruchtung dar, aus der das Gebetsleben des Mönches inspiriert und vertieft wird und der Mönch im Ewigen Wort gezeugt wird. Es ist klar, dass es vor allem bei der lebendigen geistlichen Unterweisung nicht allein um intellektuelle oder moralische Belehrung oder Wissensansammlung geht, und auch nicht allein um eine Vertiefung oder 'Meditation' der heiligen Schriften, sondern vor allem um eine Wesensmitteilung, eine mystische Einzeugung des göttlichen Wortes.
Die Arbeit im Kloster
Jede Arbeit im Kloster ist gleichzeitig ein geistiges übungsfeld und wird als heiliger Dienst und geistliche übung betrachtet. Der übung des geistigen Betens kommen gleichmäßige körperliche Tätigkeiten besonders entgegen, aber jede Arbeit hat ihren eigenen asketischen Wert. Die Arbeitsfelder im Kloster sind sehr vielseitig. Natürlich nimmt die Liturgie mit den dazugehörigen Disziplinen Gesang, Rezitation, und Typikon einen breiten Raum ein. Aber Garten, Haushalt, Küche, Seelsorge an den Gläubigen und Gästen, Krankenpflege, Landschaftsbau, Ikonenmalerei, Aufbauarbeit, übersetzungsarbeit sind ebenso wichtig.
Geistliches Leben erfordert Autonomie. Eine wesentliche Grundlage der Autonomie des Klosters ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Jede Alimentierung durch andere Institutionen würde über kurz oder lang in die geistige Abhängigkeit führen. Durch die geringen Ansprüche der Mönche können die Lebenshaltungskosten niedrig gehalten werden. Dennoch ist kluges Wirtschaften erforderlich. Der Aufbau und die Erhaltung des Klosters, der Anlagen, die Ausstattung und der Betrieb des Tempels erfordern selbst bei spartanischer Grundhaltung die Beschaffung entsprechender Finanzmittel. Daher sind gewisse Tätigkeiten zum Broterwerb erforderlich, doch muss man sehen, was mit dem mönchischen Ethos vereinbar ist.
Idealerweise arbeiten die Mönche nur innerhalb des Klosters. Weil sehr viel unbezahlte Arbeit geleistet wird, die allen Menschen zu Gute kommt, darf das Kloster Spenden annehmen.
Die Arbeiten im Kloster sind in so genannte 'Dienste' aufgegliedert. In kleineren Klöstern werden die Dienste vom Abt eingeteilt, in größeren Klöstern werden sie einmal jährlich vom Altväterrat oder vom Konvent vergeben, gemäß den Notwendigkeiten der Gemeinschaft. Dabei werden die Fähigkeiten des Einzelnen berücksichtigt und gefördert, aber auch geistliche Erwägungen spielen eine Rolle. Grundlegend für die Gemeinschaft ist der Abt. Er ist geistiger Vater und Haupt der Gemeinschaft. Dem Abt obliegt die Unterweisung der Novizen; in größeren Klöstern setzt er auch andere Mönche im großen S'chima dafür ein. Der Epitrop führt Verwaltung und Wirtschaft des Klosters und sorgt für die nötigen Einkäufe, daneben obliegt ihm die Lagerhaltung für die Lebensmittel. Der Sekretär führt die Korrespondenzen, stellt ggf. Urkunden aus, führt den aktuellen Terminplan und die Klosterchronik. Der Bibliothekar ordnet und pflegt die Bibliothek, er sorgt dafür, dass die notwendigen Bücher angeschafft, die vorhandenen sorgfältig katalogisiert und erhalten werden, und alle jederzeit benutzt werden können; der Gärtner ist für den Klostergarten und die Obstwiesen verantwortlich, was für die Ernährungsgrundlage der Gemeinschaft sehr wichtig ist; ihm werden in der Regel weitere Mönche als Gehilfen zur Seite gestellt. Manchmal gibt es einen eigenen Dienst für die Pflege der Außenanlagen des Heiligtumes, bis hin zum Heckenschneiden und zur Instandhaltung der Wege. Der Gastvater sorgt für Wäsche und Sauberkeit im Gästebereich, und empfängt und betreut die Gäste; der Koch und der Trapezaris sorgen für die täglichen Malzeiten, der Trapezaris ist außerdem für Sauberkeit und Ordnung in Speiseraum und Küche verantwortlich. Wochenweise werden Priester und Diakon zum Wochendienst eingeteilt, außerhalb des Wochendienstes und auch parallel erfüllen sie andere Dienste. Der Typikaris hat die Oberaufsicht über den Ablauf der Gottesdienste und die Auswahl der liturgischen Texte; er teilt die Sänger und Leser ein. Der Typikaris unterrichtet die Novizen in Liturgik und Kirchengeschichte. Jeder Mönch ist grundsätzlich Sänger und Leser. Der Wochenleser wird mit Priester und Diakon eingeteilt, aber jeder Mönch kann jederzeit vom Typikaris zum Chor oder als Leser für die Schriftlesungen eingeteilt werden. Der Ekklesiarch ist für Kerzen und öllampen im Tempel zuständig; er hat sie im Ablauf der Gottesdienste gemäß der heiligen Ordnung zu entzünden und zu löschen, und er ist für die Reinigung und Pflege der öllampen und Leuchter und des ganzen Tempels zuständig. Eine besondere Arbeit ist das Entfernen der Wachsflecken vom Kirchenfußboden und das Instandhalten der Leuchter. Dem Ekklesiarchen werden oft weitere Mönche als Gehilfen zugeteilt, die Ekklesiasten, die sowohl praktische als auch liturgische Dienste im Tempel verrichten. Die Reinhaltung der Gemeinschaftsräume, Sanitäranlagen und Flure in der Klausur obliegt vor allem den Novizen und jungen Mönchen, aber grundsätzlich wird jeder mal zum Putzdienst eingeteilt. Die Mönchszelle muss jeder selbst in Ordnung halten, dazu gibt es keinen besonderen Dienst. Der Hausmeister ist für alle kleineren Reparaturen an den Gebäuden und den Betrieb der Heizung zuständig, dazu gehört auch die Vorratshaltung für Brennholz und die Reinigung der öfen im Sommer. Die großen Klöster haben noch einen Igumeniaris, dieser ruft im Auftrag des Abtes die Synaxe ein, empfängt offizielle Besucher, bereitet Kaffe und dient im Synodikon bei offiziellen Empfängen und geistlichen Unterweisungen; er ist eine Art Zeremonienmeister für außer-liturgische zeremonielle Zusammenkünfte und interner Protokollchef. Ebenfalls in großen Klöstern gibt es einen eigenen Krankenbetreuer und eine eigene Krankenstation, manchmal sogar eigene ärzte. Dazu kommen die Dienste in den Werkstätten. Oft gibt es in orthodoxen Klöstern eine Werkstatt für Ikonenmalerei oder Holzschnitzerei, eine Schneiderei zur Herstellung der Mönchskleidung und Imkerei - übrigens mehr zur Herstellung von Wachs als von Honig, obwohl der auch geschätzt wird. In großen Klöstern gibt es manchmal sogar eine eigene Tischlerei. In kleineren Klöstern werden eher Rosenkränze, Wachskerzen, und Weihrauch hergestellt. In den Werkstätten wird oft ein nicht unbeträchtlicher Teil des Einkommens der Gemeinschaft erwirtschaftet.
Die Mönchsweihen
Gemäß der ursprünglichen orthodoxen überlieferung ist die Mönchsweihe ein Sakrament, eine göttliche Gnadengabe, so wie Taufe, Priesterweihe oder Eucharistie. Nur ein Mönch im großen S'chima besitzt die Gnadenvollmacht, neue Mönche zu weihen. Es gibt drei Weihestufen, die man mit den Stufen Lehrling, Geselle und Meister im Handwerk vergleichen kann :
1.) die Weihe des Trägers des heiligen Gewandes (Rasophor),
2.) die Weihe der kleinen Gestalt (Mikro S´chima) und schließlich
3.) die Weihe der großen engelgleichen Gestalt (Megalo angeliko S´chima).
Alle diese Weihen werden während der Feier der göttlichen Liturgie, möglichst sogar an einem hohen Festtag gespendet. Bereits die erste Weihestufe ist eine vollgültige Mönchsweihe. Die weiteren Weihen werden zusätzlich, entsprechend der persönlichen Begabung und Entwicklung des Einzelnen verliehen. Der Empfang der dritten Weihestufe ist an besondere Bedingungen geknüpft. So ist es üblich, zu einer solchen Weihe andere Altväter heranzuziehen. Der Mönch, der diese höchste Weihestufe empfängt, muss grundsätzlich fähig sein, andere Mönche anzuleiten und die Gabe der Unterscheidung besitzen.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass der Begriff 'Laienmönch' eigentlich widersinnig ist. Die Unterscheidung zwischen 'Vätern (Patres)' und 'Brüdern (Fratres)', also zwischen den gelehrten Priestermönchen und den ungebildeten Arbeitermönchen, war eine Sondertradition des lateinischen Westens aus der Zeit des Feudalismus, und hat in der Orthodoxie niemals Gültigkeit gehabt. Wenn man allein das Gewicht des Ganzopfers des Lebens bedenkt, welches grundsätzlich jeder Mönch darbringt, wird eigentlich deutlich, wie problematisch und diskriminierend solche Unterscheidungen sind. Auf dem Heiligen Berg gibt es viele Altväter, die aus mönchischem Ethos heraus niemals eine Priesterweihe angenommen haben; gleichwohl sind sie geistige Väter und Führer vieler Mönche und Priester, ja von Bischöfen und Patriarchen. In der Orthodoxie wird jeder, der nach entsprechender Lehr- und Probezeit von einem Altvater die heilige Mönchsweihe empfangen hat, als 'ehrwürdiger Vater' angesprochen. Zu Priestern und Diakonen werden nur so viele Mönche geweiht, wie zur Durchführung der liturgischen Dienste tatsächlich erforderlich sind. Der Rang im Klerus hat keinen Einfluss auf den Rang innerhalb des Klosters.
Interne Strukturen eines orthodoxen Klosters
Der Abt ist das Haupt der Klostergemeinschaft. Er vollzieht die Mönchsweihen und wird von den Mönchen des Klosters auf Lebenszeit gewählt. Die äbte der selbständigen Erzabteien und der stauropegialen, patriarchalen und kaiserlichen Klöster bekommen den Titel 'Archimandrit' verliehen und nehmen in der kirchlichen Hierarchie den höchsten Stand nach den Bischöfen ein. Für die eigentliche innere monastische Tradition ist dies alles nicht erforderlich. Auf dem Heiligen Berg Athos gibt es viele kleinere Klöster, deren äbte nicht einmal Priester sind und es auch nicht werden wollen.
Der ältestenrat, die so genannte Synaxe, besteht aus allen Mönchen eines Klosters im großen S'chima. In größeren Gemeinschaften dienen die Altväter der Synaxe, neben dem Abte, als geistliche Väter für die Mönche. Der ältestenrat ist Beratungsgremium und internes geistliches Gericht.
Der Konvent ist die Versammlung aller Mönche des Klosters. Er entscheidet über praktische Fragen, über den Finanzhaushalt, usw. Der Konvent ist die eigentliche rechtliche Körperschaft des Klosters und Eigentümer des Klosterbesitzes. Den Vorsitz im Konvent hat der Abt inne.
Die Epitropie ist die Klosterverwaltung. Meist ist es ein vom Abt beauftragter Mönch, der die entsprechenden betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten besitzt.
