Lesen und Hören

Lesen

Orthodoxe Liturgie und Sprachkultur
von Altvater Johannes, Abt von Buchhagen

Orthodoxe Liturgie ist das Kultmysterium par excellence, Kristallisationsraum gottmenschlichen Lebens. Sie ist Mystagogie, Hinführung zum ewigen Mysterium, Teilhabe am ewigen Gesang der Engel und sakramentale Einswerdung im lebendigen Gott. Die Gottes- und Seinserfahrung von Jahrtausenden, Theologie, Anthropologie und Mystik, haben sich hier zu heiligem Vollzug verdichtet. Das Mysterium gottmenschlichen Lebens überschreitet alle menschliche Begrifflichkeit und Vorstellung. Darum entzieht es sich jedem abstrahierenden Zugriff; es will vielmehr gelebt und gefeiert werden, teilt sich mit im heiligen Kult, in Riten, Bildern und Symbolen. Daher spricht sie alle menschlichen Kräfte und Fähigkeiten an, zuvörderst die geistigen, und erhebt den ganzen Mensch mit Geist, Seele und Leib. Das harmonische Zusammenspiel von Architektur, Ikonographie, Choreographie, Gesang und Gebet trägt die heiligen Vollzüge, in denen das Mysterium sich vollzieht. Jeder Widerstreit, jede Schere zwischen Form und Inhalt wirkt hier störend, mitunter zerstörend. Die erste Voraussetzung wirkmächtigen liturgischen Vollzuges ist Wahrheit – Verankerung in der Ewigkeit, Übereinstimmung mit den göttlichen Urbildern. Schönheit und Erhabenheit sind Kennzeichen seiner echten Gestalt.

So sehr Liturgie aus Gründen quillt, die jenseits des rationaliter Faßbaren liegen, so sehr ist sie doch auf Verstehen angewiesen – freilich eines, welches tiefer gründet als abstrakter Hirnverstand. Liturgie erschließt sich im lauschenden und schauenden Mitvollzug. Dabei ist sie nicht allein Schaustück, sondern Beziehungs- und Wandlungsgeschehen. Denn das in Gebet und verinnerlichender Stille geöffnete Herz vernimmt die erlösende Weisung und wird belebt durch die Wirkungen des dreieinen Gottes, den Einstrom der göttlichen Gnade und Kraft.

Die geistige Vernunft – das Verstehen des Herzens – greift nicht kürzer, sondern unendlich weiter als die fleischliche Vernunft. Dabei stehen diese beiden keineswegs im Widerstreit, sondern sind vielmehr unterschiedliche und einander ergänzende Weisen des Vernehmens und Erkennens … Wer da behauptet, das Verstehen sei dem Mysterium abträglich, und eine Fremdsprache tauge deshalb besser zur Liturgie als die eigene, sitzt einem ähnlich fatalen Fehlurteil über das Wesen des Mysteriums und des Christentums auf, wie jener, der es mit bloß irdischem Verstande beherrschen, Gebet und Kult durch »Denken« und »Moral« ersetzen zu können wähnt.

In Werbung und Politik wird Sprache seit jeher gezielt eingesetzt, um die jeweils erwünschten Wirkungen zu erreichen, bekanntlich keineswegs immer zum Wohle des Menschen … Wieviel notwendiger ist es im Bereich des Heiligen, da es um Wahrheit und Fülle des Seins, um die ewigen Dinge und das Mysterium gottmenschlichen Lebens geht, unsere wundervolle und überreiche deutsche Sprache in ihrer ganzen Schönheit, Kraft und Tiefe zu verwenden.

Die Art und Weise, wie wir Liturgie erleben, streng genommen sogar ihre Wirkmächtigkeit, wird wesentlich durch die Sprache, genauerhin ihre Kultur oder Unkultur, mitbeeinflußt. Ihre semantische Seite – Wortwahl, Klarheit, Stimmigkeit des Ausdrucks, inhaltliche Anklänge, mitschwingende Erinnerungen etc. – ist verantwortlich für die inhaltliche Tiefe (oder Untiefe) des Geschehens. Ihre poetisch-musikalische Seite – Wirkungen der Klangfarben und Rhythmen – prägt die Stimmung, giebt dem Ganzen Farbe, Anmutung und Gestalt. Mithilfe sprachlicher Feinheiten und Färbungen können Sinnzusammenhänge je nachdem nur zart angedeutet oder schärfer umrissen, im Hintergrund verankert oder hervorgehoben und ins Licht gestellt werden. Umgekehrt kann mit gleichen Mitteln Wirklichkeit oder Sinn vernebelt, verfälscht, kann schlimmstenfalls gelogen und manipuliert werden. Und nicht zuletzt kann trotz besten Willens und ohne böse Absicht Sinn verfremdet und schlimmstenfalls verfehlt werden, wofern man sich über diese Dinge nicht im Klaren und fahrlässig im Umgang mit Sprache ist.

Man täusche sich nicht darüber hinweg, daß die Forderung, liturgische Sprache müsse „einfach und allgemeinverständlich“ sein, zwar einen richtigen Kern hat, aber allzu oft dazu führt, daß das Heilige herabgezogen und profaniert – also seines geistigen Wesenskernes beraubt wird. Die Absenkung des Sprachniveaus versperrt den Zugang zum Kultmysterium, auch wenn es nicht bis zur Schmerzgrenze getrieben wird.

Als besonders problematisch erweisen sich solch abstrakte Forderungen wie jene, jeweils ein griechisches Wort mit immer demselben deutschen Wort zu übertragen, was angeblich größtmögliche Nähe zum Urtext gewährleisten soll. Tatsächlich wird dadurch der Urtext kastriert und die Tatsache ausgeblendet, daß im Deutschen ebenso wie im klassischen und frühmittelalterlichen Griechischen Wörter sich semantisch überschneiden, daß zumal in liturgischen, philosophischen und poetischen Texten bestimmte Kernbegriffe in verschiedenen und teils besonderen, nur in bestimmten Zusammenhängen in Frage kommenden Bedeutungen eingesetzt werden, und schon von daher eine sehr viel differenziertere Herangehensweise bei der Übertragung erheischen. Wörter gewinnen oft erst durch ihren Ort und im Zusammenhang ihren semantischen Hof. Nicht zuletzt sollte man – bei aller poetischer Freiheit – Grammatik, Syntax und linguistischen Code des Deutschen achten.

Zur Übersetzung heiliger Texte im Geiste der Heiligen Überlieferung bedarf es, neben den selbstverständlichen philologischen und theologischen Voraussetzungen, einer Grundhaltung der Demut, der Klarheit und der geistigen Unterscheidung, sowie eines ausgeprägten Sprachempfindens und … letztlich tiefer Liebe zum Deutschen.

Sakrale Sprache darf weder unverständlich sein (das wäre billiger Mystizismus), noch darf sie sich dem alltäglichen Sprachgebrauche anbiedern und dem Niederen oder auch nur dem Gemeinen und Alltäglichen Vorschub leisten. Sie soll einprägsam und klar, aber nicht wohlfeil, vielmehr dem heiligen Geschehen angemessen sein. Sie soll ansprechen, sammeln, erwecken und erheben; sie muß durchdringen ohne aufdringlich zu wirken, Herz und Sinn zum Geist hin ausrichten. Als gelungen darf man sie bezeichnen, wenn sie – bei größter Treue zum Gegebenen – gut über die Lippen und zu Herzen geht, und dabei im Sinne des theourgischen und mystagogischen Geschehens wirkmächtig ist.

Die rechtehrende (orthodoxe) Kirche hat im Bereich des Kultus, der Geistigkeit, des Gottes- und Menschenbildes (Theologie und Anthropologie) vieles bewahrt, was anderswo im Laufe der Geschichte verloren, mitunter entwertet oder verfälscht erscheint. Weit entfernt davon, sich in „orientalisch blumiger Ausdrucksweise“ zu verlieren – welche oft gehörte Behauptung nur ein zweckdienliches Vorurteil ihrer Gegner ist – bildet die orthodoxe liturgische Poesie mit der Sprache der Theologie, Philosophie, Anthropologie und Spiritualität eine untrennbare Einheit. Dabei ist sie in den entscheidenden Dingen von bewundernswerter begrifflicher Klarheit, ohne indes der Versuchung der Abstraktion zu erliegen oder ihr auch nur nachzugeben. Daß sie nicht trotzdem, sondern gerade deswegen Poesie ist, wird jedem, der ein tieferes Sprachempfinden und genügend Erfahrung orthodoxer christlicher Geistigkeit besitzt, unmittelbar einleuchten. Denn ihre Eigentümlichkeit besteht darin, daß sie in Worte faßt, was wesentlich jenseits abstrakter Begrifflichkeit liegt; was aber gleichwohl – weil aus dem Ewigen Worte (Joh. I) geboren – Worte der Wahrheit und des ewigen Lebens (Joh. VI, 68) zu reinster Gestalt verdichtet. Sie transzendiert die asketisch geläuterten und kristallinen Begriffe der Heiligen Überlieferung zu lobpreisendem geistdurchwobenem Gesang.

Hierin nun besteht eine ihrer Schwierigkeiten bei der Übertragung. Denn gute deutsche Poesie zieht es vor, in wenigen wohlgefügten Worten viel zu sagen und noch mehr zu bedeuten, indem sie auf vorgewußte Beziehungen rekurriert. Die griechische liturgische Poesie, die in ihren vorchristlichen sakralen Ursprüngen der ältesten deutschen naturgemäß sehr nahestand, kennt zwar auch dieses „im Wink nur anklingen lassen“ des (dem Eingeweihten) Wohlbekannten – man denke nur an die Kenninge der Edda. Aber lieber noch umkreist sie die Dinge, wendet sie hin und her, beleuchtet sie von den unterschiedlichsten Seiten und stellt so Beziehung her, wodurch dann in der Gesamtschau das Wesen umso klarer hervortritt. Nicht umsonst ist der griechische Fachbegriff für den liturgischen Hymnos τροπάριον, was soviel bedeutet wie „das Gedrehte, das hin- und her gewandte“. Es sind oft ganze Reihen solcher „Troparien“ (Kanons, Kondakien, Stichodien), in denen die jeweiligen Inhalte besungen werden, so, wie man einst die Schranken und Tore des heiligen Bezirkes zum Feste mit kunstvoll aus Zweigen, Blumen und Früchten geflochtenen Girlanden umwand. Gerade die ewigen Dinge, die sich gleichermaßen dem bloß rationalen Zugriff wie der bloß emotionalen Annäherung entziehen, treten in der poetischen, d. h. schöpferischen, gott- und schöpfungsgemäßen Weise umso lichter hervor. Analog finden sich in den Gebeten mitunter ganze Wortketten, etwa in der Anrufung einer der göttlichen Gestalten der Heiligen Dreiheit, oder Reihungen von Epitheta, in welchen die verschiedenen Aspekte des jeweiligen Gegenstandes reflektiert werden. Eine nicht geringe Herausforderung bei der sprachlichen Ausgestaltung dieser Texte im Deutschen liegt nun, um nur dies eine Beispiel zu nennen, darin, solche Reihungen nicht zu ermüdenden synonymen Wörterhaufen zusammenschnurren zu lassen, sondern so zu fassen, daß sie tatsächlich als dynamische Folge einander ergänzender Glanzlichter, vergleichbar denen eines kunstvoll facettierten Edelsteines, hervortreten und ihre mystagogische Wirkung entfalten.

 

   Stellungnahme des Hl. Synod der bulgarischen orthodoxen Kirche zum Konzil von Kreta (Ekklesiologie) – PDF zum anklicken
   Stellungnahme des Hl. Synod der bulgarischen Kirche zur Istanbul-Konvention (Genderthematik) – PDF zum anklicken



Hören

Geistige Unterweisungen / Predigten von Altvater Johannes
nach den Evangelien und Apostellesungen des Kirchenjahres

singende Mönche

Vom Mysterium des Lebens

Vom Mysterium des Lebens (15 Min. / 10 MB)     MP3-Download

Nähere Informationen

Was ist Orthodoxie? - Die einzige Möglichkeit zu leben ist: leben! - Erfüllung äußerer Gesetze ist noch nicht christliches Leben - Gott, Urquell des Lebens durchwebt alle Materie - Was ist der Mensch: Odem aus Gott und Lehm vom Acker - In beidem gründen und leben - Wurzeln in der Erde und im Himmel

Galater 6,11 - 18
Johannes 3,13 - 17
7. Sept. 2014
15:09

Schließen

Zur Schöpfungsgeschichte

Zur Schöpfungsgeschichte (17 Min. / 9 MB)     MP3-Download

Nähere Informationen

Adam und Eva - Sündenfall und Abstraktion - Gottferne des Abendlandes - Wahre Gotterkenntnis - Die Schlange, auch in der Religion

Buch. d. Schöpfung (Genesis) 1,26 - 3,24
Fastenzeit 2014
17:17

Schließen

Mariä Verkündigung - Gott zeugt sich ein in die Welt

Mariä Verkündigung (27 Min. / 16 MB)     MP3-Download

Nähere Informationen

In mythischer Vergangenheit Einheit von Gott und Mensch - Herausfall aus dem Paradies - Sehnsucht der Wenigen nach Ihm - Kosmische Wende in Mitte der Zeit - Maria und die Geburt Gottes - Gottes priesterliches Handeln - Sein Selbstopfer - Sprengung alles Vorstellbaren - Vollendung der göttlichen Selbstentäußerung: das heilige Abendmahl

Hebräer 2,11 - 18
Lukas 1,24 - 38
25. März 2014
26:34

Schließen

Weihnachten - Vom Geist der Gotteskindschaft

Weihnachten (17 Min. / 12 MB)     MP3-Download

Nähere Informationen

Gott wird Mensch - Mißverstandene und wahre Apophatik - Geist der Kindschaft - Wunder des Kindseins - Bindungsfähigkeit und Treue als Früchte gesegneter Kindschaft - Gott der Vater - Gott das Kind! - Solches kann nur allüberschreitende Liebe wirken - Vom Ungeist des Herodes

Galater 4,4 - 7
Matthäus 2,1 - 12
25. Dezember 2013
17:18

Schließen

Versöhnung - Aufbrechen unserer Halsstarrigkeit

Versöhnung (13 Min. / 8 MB)     MP3-Download

Nähere Informationen

Sinn und Inhalt des Fastens - Orthodoxie ist Glanz, Schönheit von Gott - „Orthodoxismus“ - Abstraktion. Pharisäismus, Besserwisserei, Richtgeist - Beginn des Weges: Zerbrechen des Bösen in uns - Ausrichtung auf die Schönheit, die Freude - Das Wunderwort: Ich habe gesündigt, vergib mir!

Römer 13,11 - 14,4
Matthäus 6,14 - 21
2. März 2014, Sonntag der Versöhnung, Beginn der Großen Fastenzeit
13:27

Schließen

Herzensgebet - Überwindung der inneren Lähmung

Herzensgebet (17 Min. / 11 MB)     MP3-Download

Nähere Informationen

Vorrang der Mystik - Erfahrungstheologie - Platos Höhlengleichnis - Lernen geistig zu schauen - Der Weg: das Herzensgebet

Hebräer 1,10 - 2,3
Markus 2,1 - 12
16. März 2014, Sonntag des hl. Gregor Palamas
17:21

Schließen

Elias, die Propheten und das Mönchtum

Elias, die Propheten und das Mönchtum (19 Min. / 14 MB)     MP3-Download

Nähere Informationen

Eliens Treue zu Gott - Eliens Flucht und Gottbegegnung - Berufung des Elisa - Wer vernimmt heute Gottes Ruf? - Geistige Unterscheidung, Nüchternheit, Klarheit - Propheten sind Mönche des Alten Bundes - Mönchtum und Ganzopfer

1.Buch der Könige 17 - 19
20. Juli 2014
19:15

Schließen

Geistiges Schwert und wahre Männlichkeit

Geistiges Schwert und wahre Männlichkeit (29 Min. / 21 MB)     MP3-Download

Nähere Informationen

Heilig werden - Hindernisse auf dem Weg - Gotteslästerung nicht dulden, trotz der Sehnsucht nach Harmonie - Harmonie und Disharmonie im naturtönigen Gesang - Harmonie mit Gott bringt Disharmonie mit dem Bösen, der gefallenen Welt - Solche Disharmonie aushalten - Christus ist kommen, das Schwert zu bringen - Wahre Männlichkeit - Rumänische Neumartyrer - Wer in der Liebe ist, kann nicht sündigen - Wahre Weiblichkeit im inneren Kern der wahren Männlichkeit - Reinheit

Hebräer 11,33 - 12,2
Matthäus 10,32 -38; 19, 27 - 30
Allerheiligen 2013
29:12

Schließen